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Ich stelle mir das ja so vor. Da gibt es einen Ex-Militär und einen ausrangierten Investigativjournalist und einen Ex-Geheimdienstler. Die haben ihre Jobs gekündigt oder wurden entlassen, eventuell konnten sie finanziell vorsorgen aber sie finden keine Arbeit mehr. Scheiße, was tun? Da sitzen sie und scrollen gelangweilt im Internet herum, finden einander in Diskussionsforen und verabreden sich mal auf ein Bier oder zwei, in irgendeinem Truckstop, und ja, da sitzen sie dann und reden und kommen auf die Idee, wie sie ein Geschäftsmodell aufziehen können, und damit nicht nur Geld scheffeln, sondern auch so etwas wie Gurus werden können.

- Sie suchen sich ein Quartier, das martialisch ausschaut, und stapeln dort technisches Equipment aufeinander. Alte Lager- oder Maschinenhallen bieten sich an.
- Sie suchen im Internet in diversen Verschwörungsforen nach aufregend klingenden Geschichten über UFO-Sichtungen und picken sich die Vielversprechensten heraus.
- Dann inszenieren sie sich als para-staatliche Untersuchungsorganisation mit Sonderbewilligungen und verschaffen sich eine Aura der Respektabilität durch ihre ehemaligen Jobs
- Am Ort suchen sie Kontakt zu Augenzeugen und anderen, die die Geschichte irgendwie auffetten können, drehen mit Handkamers verwackelte Found-Footage-Videos, gerne auch mit Infrarot oder am Kopf fixiert mit Fokus auf das Gesicht des Forschers — Dramaturgie, check.
- Sie geben es natürlich nie zu, aber es ist so: Sie finden _nie_ etwas, sie können keine abschließende Erklärung abgeben. Das gehört zum Konzept: Es bleibt immer die Möglichkeit offen, dass eben doch etwas dahinter steckt und die mutigen Forscher von sinistren Kräften daran gehindert wurden, die letzte Tür zur allumfassenden Wahrheit aufzustoßen. Es bleibt immer ein hingehauchtes: «Und doch könnte es sein …»
- Das gefilmte Material bieten sie, ähnlich wie Schriftsteller ihre Romane, unterschiedlichen Sendern an, und wenn dann mal ein Vertrag eingesackt ist, über sagen wir mal, drei Staffeln, haben die Leute ausgesorgt. Der Sender stellt den Sendeplatz zur Verfügung, finanziert den ganzen Spaß mit Werbung quer, das finanzielle Risiko liegt in erster Linie bei den Videoproduzenten.
- All diesen Formaten ist gemein, dass sie mehr Fragen stellen als Antworten liefern, und dass sie zu 80% aus Ankündigungsgetöse bestehen. die restlichen 20% der Sendezeit teilen sich Werbung und verwackelte Kamerabilder, die von dramatischer Media-Venture-Musik untermalt wird.
- Sie berufen sich auf Erich von Däniken, und dass allein ist schon ein hochnotpeinlicher Offenbarungseid.
- Und sie stellen sich niemals die Frage, niemals ernsthaft, welchen Grund eine außerirdische Zivilisation haben könnte, Lichtjahre in Generationenraumschiffen durchs All zu fliegen (Lichtgeschwindigkeit ist auch zehn millionen Lichtjahre von der Erde weit weg noch immer ein Naturgesetz und die höchste Wirkungs- und Transportgeschwindigkeit), vielleicht sogar zwanzig oder dreißig Generationen lange zu reisen, um dann hier herumzugeistern, Schabernack zu treiben und Leute zu erschrecken, Kühe umzubringen und biedere Hausfrauen mit sexuellen Experimenten an den Rand des Herzinfarkts zu manövrieren.

Und was soll ich sagen? Es scheint zu funktionieren. Ich meine, echt jetzt! Das wird allen Ernstes diskutiert, was die an Fake-Material zusammenkleben und veröffentlichen. Längst widerlegte Annahmen und urbane Legenden, neu aufbereitet und wichtigmacherisch inszeniert, jedoch so hohl und unergiebig, dass man kotzen könnte. Man fühlt sich so richtig geil verarscht von denen. naja, nicht alle. manche diskutieren, wie ich oben schrieb, mit heiligem Ernst darüber. Und selbstverständlich kommen sie in keiner ihrer Diskussionen zu einem Konsens, zu einer abschließenden Erkenntnis. Das ist ja auch gar nicht der Sinn hinter solchen Debatten. Hier soll nichts abgeschlossen werden, sondern sich weiter ewig im Kreis drehen, ein Karussell aus Vermutungen, Annahmen, Glaubensbekenntnissen und Freude an gänsehautfördernden Verschwörungstheorien.

Evidenzen

Contact — Die Alienjäger, Folge Unerwartete Nasa Präsenz

Unerwartete NASA Präsenz

Die «Alienjäger» gehen einer Legende von 2007 nach, als Milliarden Liter Wasser aus einem Stausee in den Bergen Chiles verschwanden. Sie gehen Geschichten nach, in denen behauptet wird, UFOs hätten das Wasser abgezogen. Sie stellen diese Geschichten nicht infrage sondern versuchen, sie zu beweisen.

Wissenschaftlich erklärt sich das Thema mit dem verschwundenen Wasser wesentlich weniger aufsehenerregend: Ein Riss im Steinboden des Sees nach einem Erdbeben:

In Chile ist ein See verschwunden
Globale Erwärmung lässt chilenischen See verschwinden

In dieser Folge wird dann fast gezwungenermaßen darauf eingegangen, dass der See, aus dem das Wasser verschwand, eine Kaldera, und die ganze Gegend vulkanisch ist. Das bedeutet aber nicht, dass sie die UFO-Geschichte fallen lassen. Denn dann kommen sie mit dem Spin, dass es vielleicht einen Zusammenhang gibt zwischen UFO-Sichtungen und vulkanischer Aktivität. OIDA!

In dieselbe Kerbe schlagen auch die Macher von Ancient Aliens. Da tut sich ganz besonders der Schweizer Schwurbler Giorgio A. Tsoukalos hervor, der dem Grundsatz folgt: _Flood the zone with shit_. Nur Fragen, Mutmaßungen, Gerüchte, irreführende Beweise, und wieder aufgewärmte Rätsel, die schon lange wissenschaftlich gelöst wurden. Da helfen auch die scheinbar selbstironischen Postings auf seinem Instagram-Profil nichts. Der spielt einfach mit den Erwartungen, Hoffnungen und Träumen von Millionen von Menschen, die sich Informationen wünschen, die nach Dokumentation suchen und nicht nach an den Haaren herbeigezogenen Fake-Geschichten.

Schriftsteller und Herumtreiber

Schriftsteller und Herumtreiber